Zuflucht im Sprechzimmer

Allgemeinmedizinerin Daniela Kreuzer behandelt Wohnungslose
im Caritas-Haus an der Kaiserstraße

Artikel vom 04.02.2009 im General-Anzeiger
Von Anja Tydecks

Bonn - Südstadt. "Runter, runter, runter", ruft Ludwig Fey und senkt das bärtige Kinn mit einem Ruck auf die Brust. Seine Ärztin Daniela Kreuzer tastet den Nacken ab, der seit Tagen schmerzt. Wie so vieles. Fey ist 45 Jahre alt, chronisch krank, Diabetiker, gehbehindert.

Allgemeinmedizinerin Daniela Kreuzer behandelt Wohnungslose Caritas-Haus an Kaiserstraße

Behandlung für Menschen in Not: Die Ärztin Daniela Kreuzer misst Ludwig Fey, der obdachlos war und heute im Caritas-Wohnheim lebt, den Blutdruck. Foto: Max Malsch

"Nach einer Entzündung am Hüftkopf", wie er sagt, kann sich der freundliche, korpulente Mann mit dem kinnlangen Haar nur noch mit Krücken fortbewegen.

Dienstags um die Mittagszeit tauscht die 40-jährige Allgemeinmedizinerin Kreuzer ihre Praxis in der Lennéstraße mit dem kleinen Sprechzimmer im Caritas-Haus "Kaiserstraße 7". Um dort Menschen zu behandeln, die obdachlos sind oder - wie Fey - es einmal waren und inzwischen im Caritas-Wohnheim leben.

Es ist fünf nach zwölf. Vom Trubel im Süden des Hauptbahnhofs, von hupenden Autos und Lieferverkehr ist im Sprechzimmer nichts zu spüren. Der zweckmäßig-schlichte Raum mit den hellgelb gestrichenen Wänden geht auf einen Hinterhof hinaus.

Vorsichtig zurrt die Ärztin die Manschette eines Blutdruckmessgeräts an Feys Arm fest, dort, wo ausgebleichte Tätowierungen von Rosen und Schiffen die Haut bedecken. Das Messgerät summt, dann sagt Kreuzer "133 zu 81." Alles in Ordnung. Das war nicht immer so.

Als Kreuzer ihn kennen lernte, hatten "exzessives Leben, Bier und Schnaps" seinen Körper fast zerstört. Probleme mit Alkoholismus haben nahezu alle Bewohner des Heims. "Ihre Biografien ähneln sich stark", sagt Kreuzer: "Mit 15 aus der Bahn geworfen, Gelegenheitsjobs, Alkohol, Obdachlosigkeit." Solch ein Lebensstil nagt an der Gesundheit.

Der nächste Patient ist ein alter Bekannter: Wilhelm Schulz (Name geändert) war in seinem früheren Leben mal Dachdecker, doch das ist ewig her. Von Mai 2008 bis vor kurzem hat der 73-Jährige auf der Straße gelebt. Auch während der Kältewelle - als Kreuzer seine klammen Zehen verbunden hat, damit sie nicht absterben.

Die frischen Socken in Größe 47, die sie nach der Behandlung über seine Füße zog, hatte Caritas-Sozialarbeiter Georg Kieserg besorgt - der als Bindeglied zwischen Ärztin und Wohnungslosen fungiert und sich auch um deren Versicherungsstatus kümmert.

"Es gibt keine rationalen Gründe, in Bonn auf der Straße zu leben", sagt er. Diffuse Ängste - vor einer Kürzung der kleinen Rente, vor Diebstahl, vor einer rigiden Hausordnung - hielten Obdachlose wie Schulz davon ab, Hilfsangebote wahrzunehmen. Erst eine Lungenentzündung brachte den alten Mann zum Umdenken.

Diesmal ist er wegen eines Abszesses hinter dem Ohr da. "Möchten Sie was gegen die Schmerzen?", fragt Kreuzer. "Wäre nett", antwortet der hagere Mann in dem zwei Nummern zu großen Bundeswehrpullover. Während die Medizinerin Schichten aus Kompressen und Verbänden löst, die Wunde versorgt und desinfiziert, verzieht er keine Miene. Nur seine türkisblauen Augen wandern unruhig durch das Zimmer.

"Sie haben mir sehr geholfen", sagt Schulz, bevor er geht und ein Lächeln huscht über seine schmalen Lippen. Vielleicht sieht Kreuzer ihn nach Dienstschluss auf einer Parkbank sitzen und wird ihn grüßen, vielleicht noch ein paar Takte reden.

"Wenn man die Leute nicht kennt, rümpft man vielleicht die Nase über die «Penner». Aber ich weiß inzwischen, wer sie sind. Und dass sie darunter leiden, jenseits der Szene keine sozialen Kontakte zu haben", sagt die Medizinerin. "Meine Arbeit baut auf jeden Fall Vorurteile ab." Und diese Art Toleranz möchte die dreifache Mutter auch ihren drei Kindern Johanna (7), Victor (5) und Benedikt (3) weitergeben.